Main-Tauber-Kreis. Die beiden DRK-Kreisverbände Mergentheim und Tauberbischofsheim agieren seit vielen Jahren als autarke und überaus rege Akteure. Mit ihren jeweiligen Geschäftsstellen in der Großen Kreisstadt und der Fechterstadt sind sie fest in der Region verwurzelt. Dennoch flammt die Diskussion immer wieder auf: Sollten die Verantwortlichen nicht doch über eine Fusion nachdenken? Getreu der Devise „Zusammen sind wir stark“ wird oft nach Synergien gerufen. Dies nimmt die Redaktion zum Anlass, die Geschäftsführerinnen beider Verbände ausführlich zu Wort kommen zu lassen.
„Fusion weder vorgesehen noch sinnvoll“
„Nach derzeitigem Stand ist eine Fusion weder vorgesehen noch sinnvoll“, stellt Anna Deister, DRK-Kreisgeschäftsführerin in Mergentheim, klar. Aktuell liege der Fokus darauf, die bestehenden Strukturen stabil und leistungsfähig weiterzuentwickeln. Als Beispiel nennt sie die Erprobungsstandorte Boxberg (KV Tauberbischofsheim) und Weikersheim (KV Mergentheim). Gerade im Hinblick auf das bevorstehende Landesgutachten sei dies ein wichtiger Schritt, um sich auf die erwarteten Vorhalteerweiterungen im Rettungsdienst vorzubereiten.
Zum jetzigen Zeitpunkt ließen sich aus einer Fusion keine klaren Vorteile ableiten, die über die bereits gut funktionierenden Strukturen hinausgingen. Vielmehr liege der Schwerpunkt darauf, die bestehende Kooperation und die vertrauensvolle Zusammenarbeit zu pflegen. Aus dem württembergischen Teil des Landkreises ist zu vernehmen, dass eine Fusion ein komplexer organisatorischer Kraftakt wäre. Erhebliche Abstimmungs- und Anpassungsaufwände wären die Folge. In gewachsenen Strukturen könnte dies zunächst zu einem enormen Aufwand führen, ohne dass unmittelbar wirtschaftliche Verbesserungen entstünden. Deister verweist hierbei explizit auf die unterschiedlichen Arbeitsverträge, die Alterssicherungen der hauptamtlichen Mitarbeiter sowie die vollkommen differenzierten Strukturen im Ehrenamt.
Die Überlegungen zu einer Fusion seien zudem nicht neu. Sie wurden bereits ausführlich in den Gremien geprüft, wobei man Vorteile gegen erwartbare Nachteile abwog. „Die beiden Kreisverbände haben über viele Jahre eigenständige Strukturen entwickelt – sowohl im Ehrenamt mit den Ortsvereinen als auch im Hauptamt. Diese Strukturen beruhen auf bewussten strategischen Entscheidungen der jeweiligen Präsidien und sind auf die regionalen Gegebenheiten zugeschnitten“, hebt die Mergentheimer Geschäftsführerin hervor. Eine Zusammenlegung würde eine umfassende Vereinheitlichung erzwingen und damit Kompromisse auf beiden Seiten fordern, für die es derzeit keinen zwingenden Anlass gebe.
Synergieeffekte stoßen an geografische Grenzen
Fusionen führen laut Deister nicht automatisch zu spürbaren Kosteneinsparungen oder effizienteren Abläufen. „Unsere personellen und organisatorischen Abläufe sind bereits klar geregelt und auf die jeweiligen Notwendigkeiten zugeschnitten. Die große räumliche Distanz zwischen den Standorten schränkt mögliche Synergieeffekte beim Personaleinsatz deutlich ein“, so Deister. Es wäre etwa schwierig, Notfallsanitäter aus dem Raum Weikersheim regelmäßig auf der Wache in Wertheim einzusetzen. Im Kreisverband Mergentheim zeige sich zudem, dass sowohl die personellen Ressourcen als auch die Kostenstruktur derzeit solide aufgestellt seien.
Unbestritten sei jedoch, dass eine konstruktive Partnerschaft auch ohne Fusion sinnvoll sei. Ein Beleg hierfür sei die Kooperation im behördlichen Katastrophenschutz, die bereits erfolgreich praktiziert und positiv bewertet werde. Auch gemeinsame Schulungen und Übungen belegten, dass die Abstimmung heute schon einen Mehrwert für die Sicherheit der Bevölkerung schaffe. „Beide Kreisverbände sind leistungsfähig und gewährleisten eine hochwertige Versorgung. Im Mittelpunkt steht das Ziel, die Einsatzfähigkeit dauerhaft zu sichern“, fasst Anna Deister für Mergentheim zusammen.
Ihre Tauberbischofsheimer Kollegin Manuela Grau blickt mit einer etwas anderen Perspektive auf die Thematik: „Die beiden DRK-Kreisverbände Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim leisten zuverlässige Hilfe im Main-Tauber-Kreis. Beide haben ihre Kompetenzen fortentwickelt und arbeiten dort, wo es erforderlich ist, gut zusammen.“ Insofern sei eine Fusion aus Sicht der reinen Versorgung aktuell zwar nicht zwingend erforderlich, doch Grau denkt strategisch weiter.
Der Kreisverband Tauberbischofsheim stehe für eine zukunftsgerichtete Stärkung des DRK als moderne und wirtschaftliche Organisation. „Deshalb halten wir es unter strategischen Gesichtspunkten für unumgänglich, die Vorteile einer intensivierten operativen Zusammenarbeit zu nutzen – besonders angesichts der großen Herausforderungen im Gesundheitssystem“, äußert sich Grau.
Die Chancen eines gemeinsamen operativen Handelns und der Abbau von Doppelstrukturen lägen für sie auf der Hand. Das Potenzial für eine Weiterentwicklung sei enorm: effizientere Ressourcennutzung, stärkere Einsatzfähigkeit, finanzielle Vorteile, Professionalisierung und eine höhere Attraktivität für das Ehrenamt. Kurz gesagt: Die größten Vorteile lägen in der Effizienz und der Zukunftssicherheit. „Dabei lässt sich auf einer bereits gewachsenen Grundlage aufbauen. Viele Strukturen sind faktisch bereits verzahnt“, teilt die Geschäftsführerin mit.
Keine Denkverbote: Der Weg zu einem starken Verband
Manuela Grau betrachtet eine solche Entwicklung als Prozess: „Die Organisationsform folgt den operativen Zielen nach. Dabei darf es keine Denkverbote geben.“ Sollte es infolge zunehmender operativer Gemeinsamkeiten zu einer organisatorischen Verschmelzung kommen, „dann begrüßen wir diese Entwicklung im Sinne eines starken Roten Kreuzes im Main-Tauber-Kreis“.
Voraussetzung hierfür sei jedoch, dass sowohl beim Ehrenamt als auch bei den hauptamtlichen Mitarbeitern eine positive Dynamik entstehe, um Veränderungen mit Leben zu füllen. Ein solcher Prozess müsse daher transparent gestaltet, von der Basis getragen und von beiden Partnern aus Überzeugung angestrebt werden. Nur so könne ein fusionierter Verband seine volle Kraft entfalten und die Menschen in der Region auch in kommenden Jahrzehnten optimal versorgen. Während Mergentheim also die Stabilität der Eigenständigkeit betont, hält Tauberbischofsheim die Tür für eine strukturelle Neuausrichtung weit offen.
© Klaus T. Mende
